Braun et al. sind mit diesem Ansatz fraglos einer publizistisch und wissenschaftlich drängenden Frage auf der Spur. Seit einigen Jahren macht die Begriffsschöpfung „extreme Rechte“ immer mehr von sich reden. Wurde diese Bezeichnung in der Vergangenheit häufig synonym zu „rechtsextremistisch“ und „rechtsextrem“ gebraucht, hat sich mittlerweile eine eigenständige Verwendungsweise herausgebildet, die die Herausgeber wie folgt umschreiben: „Die extreme Rechte umfasst im vorliegenden Werk die Akteure und Institutionen des deutschen Rechtsextremismus im Sinne des Verfassungsschutzes ebenso wie das rechtsradikale Spektrum und jene Teile der intellektuellen ‚Neuen Rechten’, die verfestigte inhaltliche und strukturelle Bindungen an diese Kreise vorweisen und durch ihre Aktivitäten gezielt zur Verbreitung der im sozialwissenschaftlichen Sinne rechtsextremen Ideen beizutragen suchen.“ (15)

Die Kernprobleme diese begrifflichen Konstruktion sind bereits vor einiger Zeit an anderer Stelle erörtert worden, daher in Kurzfassung nur so viel: Es ist ein (politikwissenschaftlicher) Widerspruch, sich einerseits auf die Typologie des Verfassungsschutzes und damit auch grundlegende Annahmen der Extremismustheorie einzulassen, diese anschließend jedoch in einer Theoriebildung der eigenen Art ad absurdum zu führen. Denn gemäß dieses Ansatzes zählen radikale politische Ansichten zum gerade noch in unserer Verfassungsordnung zulässigen und damit zum demokratischen Spektrum, können folglich nicht ohne begrifflichen Selbstwiderspruch aus dem Spektrum der demokratischen Rechten ausgegliedert und einer „extremen Rechten“ zugeschlagen werden. Der Kunstbegriff der „extremen Rechten“ mag daher hier und da sozialwissenschaftliche Einsichten vermitteln, im Kontext politikwissenschaftlicher Analysen hingegen handelt es sich um eine kaum zu rechtfertigende Verwischung der Grenzen zwischen demokratischen und antidemokratischen politischen Spektren. Eine solche begrifflich produzierte Grenzverwischung am linken Rand würde man sich, mit guten Gründen, wohl nicht bieten lassen. Nicht auf den politikwissenschaftlichen, sondern „politischen Gehalt“ (ebd.) ihrer begrifflichen Konstruktion weisen die Herausgeber allerdings deutlich hin.
Auf dieser begrifflichen Grundlage, so jedenfalls die Ankündigung der Herausgeber, wird ein großformatiger Sammelband im Umfang von 660 Seiten zu den „Strategien der extremen Rechten“ präsentiert. Dabei gibt es kaum ein Themenfeld im Bereich der Analyse des rechten politischen Feldes, das der Sammelband nicht abdeckt: Strategien, aktuelle Parteianalysen, Phänomene in den Bereichen Kultur und Medien, Rechtsfragen, der Blick über den nationalen Tellerrand sowie Vorschläge für Gegenstrategien. Zudem zeichnet sich der Band durch einen bemerkenswerten Pluralismus der einzelnen Forschungsansätze aus.
Jedoch: Das eigentliche Ziel, eine Analyse des gegenwärtigen Rechtsextremismus anhand des analytischen Bezugsrahmens „extreme Rechte“ zu vollziehen, wird verfehlt. Zahlreiche Autoren des Bandes operieren überhaupt nicht mit dem Begriff „extreme Rechte“, andere verwenden ihn, aber ohne ihn näher zu erläutern oder auf den Definitionsvorschlag der Herausgeber überhaupt einzugehen. Bei anderen wiederum gehen die Begrifflichkeiten so quer durch den Gemüsegarten, dass mit Blick auf ein und dasselbe Erkenntnisobjekt und innerhalb eines einzigen Absatzes von „neofaschistisch“, „extreme Rechte“ und „rechtsextremer Politik“ zugleich die Rede ist.
„Strategien der extremen Rechten“ von Braun/Geisler/Gerster bleibt so weit unter seinen Möglichkeiten. Anstatt eine innovative und tatsächlich politisch wie wissenschaftlich drängende Frage umfassend im Rahmen der Pluralität der einzelnen Forschungsansätze erörtert zu haben, ist ein heterodoxer Sammelband über die aktuelle Lage des Rechtsextremismus in Deutschland entstanden, der wie jeder dieser Sammelbände seine Stärken und Schwächen hat. Zu den ausdrücklichen Stärken zählen dabei u.a. ein vergleichender Beitrag Armin Pfahl-Traughbers über die alte und die neue NPD, der die „komparative Perspektive“ nutzen will, um „Kriterien für die differenzierte Einschätzung von Bedeutung und Gefahrenpotenzial der gegenwärtigen NPD“ (77) zu gewinnen; ein vergleichender Aufsatz Steffen Kailitz’ über das ideologische Profil von DVU und Republikanern, wobei Kailitz sich weigert, die Republikaner als demokratische Partei am rechten Rand anzuerkennen, sondern sie „semidemokratisch“ und „ambivalent“ (121) nennt; Helmut Kellershohn mit seiner umfangreichen und sensiblen, in philologische Detailarbeit hineinreichenden Studie „Widerstand und Provokation: Strategische Optionen im Umkreis des ‚Institut für Staatspolitik’“ über zentrale Akteure der „Neuen Rechten“ in Deutschland; Jan Schedler mit seinem soliden und kenntnisreichen Überblick „Übernahme von Ästhetik und Aktionsformen der radikalen Linken – Zur Verortung der ‚Autonomen Nationalisten’ im extrem rechten Strategiespektrum“ sowie – aus dem Bereich der Kommunalpolitik – Matthias Schmidt mit einer bemerkenswert reflektierten, selbstkritischen und hilfreichen Analyse des Umgangs der Demokraten mit den Abgeordneten der NPD in Treptow-Köpenick unter dem Titel „Rechtsextreme in Kommunalparlamenten am Beispiel der NPD in der Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick“.
Auch wenn also die Herausgeber ihre hohen Ansprüche am Ende nicht einlösen konnten, eröffnet der Band für am Thema Interessierte in allen Bereichen interessante Perspektiven und Anregungen, ist mit einem Preis von 39,90 Euro aber nicht ganz billig.
Stephan Braun/Alexander Geisler/Martin Gerster (Hrsg.):
Strategien der extremen Rechten
Hintergründe - Analysen - Antworten
(VS Verlag für Sozialwissenschaften)
ISBN: 978-3-531-15911-9





