Dass die „Deutung des Faschismus“ in Deutschland „antifaschistisch“ zu sein hat (7), ist Weißmann sichtlich ein Dorn im Auge. Gemeint ist damit allerdings vor allem, dass auch bei diesem Erkenntnisgegenstand eigentlich jene „Methoden und Kriterien“ anzuwenden seien, „die sonst für alle anderen Gegenstände der Geschichtsforschung gelten.“ (10) Mit dieser „a-faschistischen“ Haltung will der Historiker Weißmann den Gegenstand zunächst aufschließen, um ihn besser verstehbar zu machen.
Dem Autor gelingt es so, eine analytische Perspektive einzunehmen, die vor allem nach der funktionellen Rolle des Faschismus in der Moderne sowie seiner konkreten politischen Gestalt fragt. Weißmann räumt dabei zu Recht mit einem Faschismusbild auf, das diesen nicht nur undifferenziert – und im Grunde auch verharmlosend – mit dem eliminatorischen Rassismus des Nationalsozialismus in einen Topf wirft, sondern außerdem als monolithisch „rechts“ verortet. Denn eine solche Klassifizierung verkennt nicht nur, dass führende Exponenten des Faschismus häufig sozialistische Wurzeln hatten, sondern dass der Faschismus auch „eine Auseinandersetzung innerhalb der Rechten“ war. (49) Dies vor allem deshalb, weil diese neue Form der politischen Rechten das traditionelle Denken in den Kategorien von Hierarchie und Verdienst in einer bizarre Form autoritär geführter Egalität überführte – an die Stelle der Elite rückte die Masse.
Weißmann verortet den Faschismus daher klar auf Seiten der Moderne. Gerade aus seiner „Fähigkeit zur unmittelbaren Integration der modernen Gesellschaft“ (14), so offenbar seine Position, lässt sich auch sein Erfolg in der Krise der liberalen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts erklären. Es kann auch kaum als historische Zufälligkeit betrachtet werden, dass ausgerechnet parallel zur ersten Phase der kapitalistischen Globalisierung (Imperialismus) der Sozialismus und der Nationalismus eine politische Symbiose eingingen. Denn bereits damals lag jene Auseinandersetzung in der Luft, die in der heutigen Phase der Globalisierung erneut auf der Tagesordnung steht: Ob es – angesichts einer kompromisslosen Globalisierung des Kapitals – zur Reartikulation des Nationalstaats als Schutzraum der kleinen Leute kommt oder nicht. Auch Weißmann fasst diese Perspektive ins Auge, wenn er abschließend danach fragt, ob eine Niederlage des heutigen Liberalismus nicht den Boden für eine „neue Art von Faschismus“ (60) bereiten könnte.
Allerdings irrt, wer diese Frage Weißmanns mit einem politischen Bekenntnis verwechselt, gibt er doch ebenso die Prognose ab, dass jeder Neo-Faschismus nur zu den „früheren Ergebnissen“ führen werde. (ebd.) Sein Text atmet vielmehr zwischen den Zeilen den Geist der wirklich alten, anti-hitleristischen Rechten – einer Rechten, die sich mit der „Masse“ nicht anfreunden kann und dennoch mit ihr umgehen muss – einer Rechten, die von „Egalität“ nichts wissen will, jedoch nicht daran vorbeikommt, dass genau diese von der demokratisierten „Masse“ eingefordert wird. Eine schlüssige Antwort auf die Frage, was ein traditioneller Rechter eigentlich mit der politischen Moderne tun soll, steht bis heute aus. Ernst Nolte wählte bekanntlich jüngst die konstruktive Resignation.
Karlheinz WeißmannFaschismus
74 Seiten, kartoniert mit Fadenheftung
Schnellroda: Edition Antaios 2009
ISBN: 978-3-935063-89-0
8,00 EUR





