Mittwoch, den 07. Oktober 2009 um 09:58 Uhr

Versuch der politischen Selbstverteidigung: Zur „Initiative gegen jeden Extremismusbegriff“ (INEX)

Verfasst von Mathias Brodkorb
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Im Jahre 2008 gründete sich in Sachsen ein Bündnis unterschiedlicher linker Akteure, das seither den Extremismus-Begriff auf’s Korn nimmt und allerlei Initiativen unterstützt, die sich gegen eine „Normalisierung“ des deutschen Nation-Diskurses richten. Dabei beruhen die wesentlichen Argumente weitgehend auf theoretischen Missverständnissen und rücken zugleich zahlreiche prominente Unterstützer der Initiative selbst in ein schillerndes Licht.
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Die Rechtsextremismusforschung und der „Kampf gegen Rechts“ sind in Deutschland schon ganz merkwürdige Erscheinungen: Zwar besteht über die Notwendigkeit beider Dinge großer gesellschaftlicher Konsens, aber dennoch gibt es kaum ein gesellschaftspolitisches Feld, das ähnlich umstritten wäre. Allerorten veranstalten in Deutschland zahlreiche „Initiativen gegen Rechts“ immer wieder den ultimativen sozialistischen Wettbewerb „Wer ist hier der wirklich wahre Antifaschist?“. Jede kleinste Abweichung vom eigenen Pfad der Tugend wird dabei nicht selten gar als (ungewollte) Kollaboration mit der Gegenseite skandalisiert.

Dieser Eindruck drängt sich auch bei einer näheren Beschäftigung mit der „Initiative gegen jeden Extremismusbegriff“ (INEX) auf. Anlass für die Gründung dieser Initiative sei dabei die Tatsache gewesen, dass seit „Anfang des Jahres 2008 (...) die außerparlamentarische Linke sowie links-alternative Kulturprojekte in Sachsen wieder einmal Ziel einer Diffamierungskampagne“ des CDU-geführten Innenministeriums sei. Demnach seien harmlose Linke unter der Führung von Minister Albrecht Buttolo staatlichen Repressionen unterworfen worden, um ihnen die „Existenzgrundlage“ zu entziehen. Die Wunderwaffe des ehemaligen Herrn Minister sei dabei die Extremismus-Theorie gewesen. Mit ihr wären unbescholtene Linke mit knallharten Nazis in einen Topf geworfen und somit Linke und Rechte verharmlosend gleichgesetzt worden.

Kritik an der Extremismus-Theorie

Nun wollen wir gar nicht den Versuch machen zu beurteilen, ob der Herr Buttolo wirklich so ein unanständiger Kerl ist, wie behauptet. Schon möglich, dass ein CDU-Innenminister bei seinem Kampf gegen Extremisten über das Ziel hinausschießt. Auch in anderen Fällen mussten ja bspw. Verfassungsschutzbehörden dabei gebremst werden, vorschnell mit dem Extremismus-Vorwurf um die Ecke zu biegen. Allerdings erschienen die Reaktionen von INEX auch dann nicht sonderlich plausibel: Was, bitteschön, kann denn die arme Extremismus-Theorie dafür, wenn Minister Buttolo mit ihr entweder nicht richtig umgehen kann oder will?

INEX vermöbelt also schlicht den falschen Pappkameraden. Im Kern werden zwei Argumente gegen die Extremismus-Theorie ins Feld geführt, die beide in der Sache an eben jener völlig vorbeigehen:

1. Die Extremismus-Theorie unterstelle, dass es eine lupenreine demokratische Mitte und links wie rechts antidemokratische Ränder gebe. Das sei aber gar nicht der Fall, denn Antisemitismus, Rassismus etc. seien keine Randphänomene, sondern durchzögen auch die Mitte der Gesellschaft.

Dieser Hinweis ist so richtig wie in der Sache belanglos. Denn die Extremismus-Theoretiker sprechen nicht von einer soziologischen Mitte, sondern von einem politikwissenschaftlichen Modell. Es geht nicht um konkrete Menschen, sondern um Idealtypen politischer Ideologien. Es würde also kein einziger ernstzunehmender Extremismus-Theoretiker dieser Welt der These widersprechen, dass Personen, die soziologisch der Mitte der Gesellschaft zugerechnet werden müssen, politisch Extremisten sein können. Mit anderen Worten: Wer die Extremismus-Theorie zurückweist, weil sie angeblich die Mitte reinwasche, verwechselt schlicht Soziologie und Politikwissenschaft miteinander.

2. Die Extremismus-Theorie setze Linke und Rechte gleich. Dies erfolge in der Absicht, um sie als ideologische Waffe gegen „AntifaschistInnen“ einzusetzen.

Auffällig am offenen Brief „Gegen jeden Extremismusbegriff“ vom 29. April 2008 der Initiative INEX, der wohl als Gründungsdokument verstanden werden darf, ist dabei die Tatsache, dass keine der Kritiken, die sich gegen die Extremismus-Theorie richten, auch an den Texten ihrer beiden Hauptvertreter, Uwe Backes und Eckhard Jesse, belegt wird. Jeder derartige Versuch müsste auch an der Realität scheitern. Bereits in ihrem Grundlagenwerk „Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland“ aus dem Jahre 1989 haben beide Autoren immer und immer wieder darauf hingewiesen, dass zwischen Links- und Rechtsextremisten „fundamentale Unterschiede“ bestehen. Backes hat in neuesten Texten gar selbst ausdrücklich der These widersprochen, dass Links- und Rechtsextremisten gleichermaßen von der bürgerlichen Mitte entfernt seien.

Politische statt wissenschaftlicher Motive?

Wie erklärt es sich nun, dass trotz aller offenkundigen Tatsachen eben diese in der Debatte keine Rolle spielen? Dies dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass die Kritiker selbst tun, was sie ihren Kontrahenten vorwerfen: nicht in wissenschaftlicher, sondern politischer Absicht agieren. Zwar beschweren sich die Vertreter von INEX in ihrer Grundsatzerklärung – übrigens zurecht - darüber, dass man heutzutage schneller zum Extremisten gemacht werde „als gedacht“, um allerdings nur wenige Zeilen später dieses Spiel selbst zu betreiben, wenn sie Eckhard Jesse eine „Nähe zu rechten Kreisen und Ideologien“ unterstellen. Der aktuelle sozialistische Wettbewerb „Wer ist denn hier der wahre Antifaschist?“ hätte somit schon einmal seinen Sieger und der Kritisierte wäre aufgrund einer abweichenden Auffassung der Kollaboration überführt.

Dabei kann INEX keinesfalls nur unbedeutende Kleinstgrüppchen oder Personen zu den UnterstützerInnen zählen. Unfreiwillig komisch mutet es dabei an, wenn ausgerechnet das „Forum kritische Rechtsextremismusforschung“ aus Leipzig eine Erklärung gegen die Extremismus-Theorie unterschreibt und sich damit zugleich den eigenen Forschungsgegenstand zerstört. In die lange Liste der Erstunterzeichner reiht sich außerdem die unter Linksextremismusverdacht stehende Organisation „Rote Hilfe“ ebenso ein wie sächsische Landtagsabgeordnete der Linken, darunter gar der Sprecher für Verfassungsfragen Klaus Bartl, und die linke Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke. Aber auch die „Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus“ der Bundestagsfraktion der Grünen, Monika Lazar, ist mit von der Partie.

Der eigene politische Standpunkt wird aus besagter Erklärung dabei nicht recht deutlich. Anders verhält es sich hingegen, wenn man sich die Veröffentlichungen und Unterstützungsaufrufe anlässlich der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit näher ansieht. INEX richtet sich dabei gleich gegen mehrerlei: gegen den Mythos einer politischen statt einer konsumistisch motivierten „Revolution“, gegen die Rehabilitierung der deutschen Nation infolge einer nunmehr 60 Jahre andauernden demokratischen Geschichte, gegen deutschen Staat und Nation überhaupt. Denn ein positiver Bezug auf Deutschland sei „nach Auschwitz nicht mehr möglich“. Jeder Versuch einer Normalisierung des Nation-Diskurses müsse folglich auf die Verharmlosung des Nationalsozialismus hinauslaufen. In einer eigens zum 20. Jahrestag angefertigten Broschüre wird schließlich die These aufgestellt, dass eine humanistische und aufgeklärte Gesellschaft in Deutschland eine Illusion bleiben müsse, „solange und weil sie sich als deutsche Nation konstituiert“. Folglich sei eine radikale Kritik an den herrschenden Zuständen nötig, „die über kapitalistische Zurichtung und nationalstaatliche Vergesellschaftung hinausweist“. Dass sich diese Argumentation dabei selbst in die Nähe völkischer Gedanken begibt, indem sie im Rahmen einer angeblichen Kollektivschuld eine nationale Schicksalsgemeinschaft der deutschen Auschwitz-Täter samt ihrer Nachkommen konstruiert, bleibt merkwürdig unbemerkt.

Wenn der Verfassungsschutz zweimal klingelt

Nun mag es an der mangelnden Phantasie des Autoren liegen, sich eine transnationale Weltkonstruktion schlicht nicht vorstellen zu können, in der sich die ohne Frage heute bestehenden Entfremdungsprozesse unter dem Druck bürokratischer Mammutsysteme nicht noch weiter verschärfen. Allerdings werden in Artikel 21 (2) des Grundgesetzes nicht nur jene Bestrebungen als verfassungswidrig klassifiziert, die die „freiheitliche demokratische Grundordnung“ beeinträchtigen oder beseitigen wollen, sondern auch jene, die den „Bestand der Bundesrepublik Deutschland“ gefährden. Es kann daher zumindest nicht verwundern, dass auch der Verfassungsschutz bisweilen interessiert nachfragt, was es denn mit dieser „Initiative zur Abschaffung jeder Form deutscher Nationalstaatlichkeit“ so auf sich hat und was ihre Vertreter konkret im Sinn haben. Am Ende kann zumindest der Eindruck entstehen, die Ablehnung der Extremismus-Theorie erfolge, um dem demokratischen Verfassungsstaat dessen Instrumente zur Unterscheidung von Demokraten und Anti-Demokraten aus der Hand zu schlagen, weil man fürchtet, man selbst oder nahe stehende Akteure könnten ebenfalls unter rechtsstaatlichen Beschuss geraten. Wir wären somit Zeugen eines Vorgangs politischer Selbstverteidigung. Einer solchen Interpretation wird von INEX jedoch ausdrücklich widersprochen: „Nicht die Angst, in die Schmuddelecke »linksextrem« gestellt zu werden, treibt uns an. Uns geht es darum, den Extremismusbegriff in der wissenschaftlichen und in der politischen Praxis ganz über Bord zu werfen.“, heißt es in einer weiteren Erklärung. Ausgerechnet eine wissenschaftlich überzeugende Auseinandersetzung mit der Extremismus-Theorie steht bis heute allerdings aus.

Es hat daher einen gewissen Beigeschmack, wenn Monika Lazar, die jüngst erneut für die Grünen in den Bundestag einzog, in einer Dankeserkärung an die eigenen WählerInnen formuliert: „Auch die Bundesförderung für Demokratie und gegen Rechtsextremismus darf nicht in einem ‚Extremismus-Einheitsbrei’ enden, sondern muss weiterhin ganz klar gegen Nazi-Ideologien wie Rassismus und Antisemitismus geführt werden.“ An der Tatsache, dass Deutschlands Extremismus-Problem Nummer 1 am rechten und weniger am linken Rand zu suchen ist, kann kaum ein Zweifel bestehen. Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, dass es dem demokratischen Verfassungsstaat im Ernstfall herzlich egal sein kann, von welcher Seite er bekämpft wird. Im praktischen Verwaltungshandeln muss er Extremisten unterschiedlicher Couleur nur dann und insofern gleich behandeln, als sie sich durch ihr anti-demokratisches Verhalten selbst gleichsetzen. Und das ist auch gut so!

Mathias Brodkorb

Mathias Brodkorb

Mitglied des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern für die SPD, Gräzist und Philosoph, Mitbegründer von www.endstation-rechts.de

Website: www.endstation-rechts.de

11 Kommentare

  • Kommentar Link bebe Mittwoch, den 07. Oktober 2009 um 18:49 Uhr veröffentlicht von bebe

    "Dieser Hinweis ist so richtig wie in der Sache belanglos. Denn die Extremismus-Theoretiker sprechen nicht von einer soziologischen Mitte, sondern von einem politikwissenschaftlichen Modell. Es geht nicht um konkrete Menschen, sondern um Idealtypen politischer Ideologien."

    Welche Legitimation hat diese Theorie denn überhaupt? Eine Theorie, die mit dem Anspruch in den Diskurs tritt, überhaupt nichts mit der echten Welt zu tun haben zu wollen, ist ja wohl kaum ernst zu nehmen.

    Wenn man aus der Geisteswissenschaft kommt, ist es für einen selbst vlt. kritikwürdig, dass sich die Argumentation von INEX nicht am universitären Elfenbeinturm-Diskurs aufhängt (mal nebenbei: Eine Theorie, die eine wie auch immer geartete Mitte und extremistische Ränder festschreibt, aber dann auf einmal einen "unterschiedlichen Abstand" zu ebenjener Mitte sehen will? Klingt reichlich konstruiert und damit ebenfalls nach einem Akt politischer Selbstverteidigung, nicht wahr?), sondern an der populärwissenschaftlichen Verwurstung und der Verwendung durch öffentliche Würdenträger. Aus Sicht von INEX ist dies aber durchaus nachvollziehbar, geht die vorsichtige Absetzbewegung von Jesse und co. von der eigenen Theorie (ist es überhaupt eine? "Unterschiede" werden zwar postuliert, aber ein "antidemokratischer Rand" bleibt es trotzdem, sonst wäre die Theorie reichlich inkoherent) in der Praxis doch vollständig unter. Im Klartext: INEX versucht nicht, Herrn Professor Jesse die argumentativen Grundlagen zu entziehen (das macht eine Mehrheit der ernst zu nehmenden Politikwissenschaftler schon ganz von allein), sondern dem Herrn CDU-Landrat soundso. Das ist schon deshalb sinnvoll, weil sich der ottonormal-Landrat für wissenschaftliche Diskussionen einen Dreck interessiert, sondern eher frei Haus gelieferte Munition ala Extremismustheorie begeistert aufgreift. Selbstzweifel sind da unerwünscht.

    Wenn der Autor sich dann auch noch auf die bescheuerte Argumentation einlässt, aus der Ablehnung einer Normalisierung des Nationalbegriffs verfassungsfeindliche Tendenzen abzuleiten (hier wird man dem eigenen Anspruch nicht gerecht: Was verbirgt sich denn hinter dem Begriff "Nation", wie ihn Antideutsche verwenden. Doch etwas ganz Anderes als "Der Bestand der Bundesrepublik Deutschland" oder die FDGO!), INEX vorzuwerfen, eine "Schuldgemeinschaft" zu konstruieren (kann der Autor nicht unterscheiden zwischen der Ablehnung einer allgemeinen Opferhaltung und der Ablehnung individueller Schuld?)und generell Menschen mit antideutscher Haltung (was ja legitim ist, siehe oben) und Kritiker des Extremismusbegriffs in einen Topf zu werfen (gehört da Frau Lazar auch mit dazu? Wenn nicht, warum wird sie in dem Artikel überhaupt erwähnt? Um billige Lacher zu provozieren?), wird deutlich, dass es hier genauso um eine politische Abarbeitung, geradezu eine Lächerlichmachung der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff geht, wie sie der Initiative selbst in diesem Artikel mehrfach vorgeworfen wird.

    Ich bin selbst auch nicht immer mit dem Einverstanden, was in manchem linken Diskurs vorgetragen wird, zutreffen mag in Teilen auch der Vorwurf des politischen Avantgardismus (Wer ist der beste Antifaschist?), auch wenn er im Fall INEX eben nicht trifft, aber der Einzige, der hier an der Sache vorbei (Wer legt eigentlich fest, was "die Sache" ist?) diskutiert, ist der Autor des obigen Artikels.

    P.S.: Hätte man sich länger mit den sächsischen Verhältnissen auseinandergesetzt, als es nötig war, um diesen Artikel zu verfassen, wüsste man auch, warum es durchaus legitim ist, sich "Forum kritische Rechtsextremismusforschung" zu nennen.

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  • Kommentar Link Mathias Brodkorb Donnerstag, den 08. Oktober 2009 um 11:05 Uhr veröffentlicht von Mathias Brodkorb

    @ bebe: 1. Jede gute Theorie geht über das empirisch Gegebene hinaus. Eine Theorie, die das nicht vermag, braucht man auch nicht, weil sie dann nur eine sinnlose Verdopplung der empirischen Wirklichkeit wäre. 2. "Im Klartext: INEX versucht nicht, Herrn Professor Jesse die argumentativen Grundlagen zu entziehen". Eindeutig FALSCH: Bitte lesen Sie die Grundsatzerklärung. In der wird am Ende Jesse und Co. vorgeworfen, Leuten wie Buttolo und Co. überhaupt erst die Instrumente zu liefern. Die Krtik richtet sich in der Hauptsache also gegen Jesse. Genau diese Unterscheidung - Wissenschaft auf der einen, politischer "Missbrauch" solcher Theorien auf der anderen Seite - wird von INEX eben nicht gemacht. 3. Warum Monika Lazar erwähnen? Nun ja, sie hat immerhin als MdB die Grundsatzerklärung unterschrieben. 4. "warum es durchaus legitim ist, sich "Forum kritische Rechtsextremismusforschung" zu nennen." Keine Frage, dass das legitim und auch sinnvoll ist. Es ist nur ein Widerspruch, sich als Bestandteil der RechtsEXTREMISMUSforschung zu sehen und die EXTREMISMUStheorie abzulehnen. Mehr war damit nicht gemeint.

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  • Kommentar Link Nasenmann Donnerstag, den 08. Oktober 2009 um 16:06 Uhr veröffentlicht von Nasenmann

    Also ich finde das jetzt nicht widersprüchlich die Extremismustheorie (sprich die Extremismustheorie von Backes/Jesse) abzulehnen und trotzdem Rechtsextremismusforschung zu betreiben. Rechtsextremismus ist zuersteinmal ein Begriff, der von verschiedenen Forschern eben unterschiedlich definiert wird. Jesse/Backes haben ja nicht das copyright auf den (Rechts)Extremismusbegriff.
    Ähnlich verhält es sich beim Faschismusbegriff. Ein Paxton definiert ihn anders als ein Griffin, oder gar Nolte und mit der Faschismustheorie der kommunistischen Internationale haben diese Definitionen auch eher weniger zu tun.

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  • Kommentar Link Mathias Brodkorb Donnerstag, den 08. Oktober 2009 um 17:36 Uhr veröffentlicht von Mathias Brodkorb

    @ Nasenmann: In der Tat war das Argument etwas wenig untersetzt. Backes und Jesse formulieren ja nicht irgendeine Extremismustheorie, sondern versuchen den Unterschied zwischen Extremisten und Nicht-Extremisten begrifflich abzuleiten. Sie versuchen sich also an einer wissenschaftlich begründeten Gegenstandskonstitution, an einem meta-politikwissenschaftlichen Unterfangen. Solche Art von Unterscheidung MUSS auch jedweder "Rechtsextremismusforschung" zugrunde liegen. Ein Rechtsextremist ist eben ein rechter Extremist. Wer Rechtsextremismusforschung betreibt, muss also sagen können, was "rechts" und was "extremistisch" heißt. Eine (!) Form von Extremismustheorie muss also von jedem Rechtsextremismusforscher mitgedacht werden, weil er sonst nicht einmal seinen Erkenntnisgegenstand bestimmen könnte. Jetzt wäre nur noch zu zeigen, dass im Grunde sebst alle Kritiker der Extremismustheorie von Backes und Jesse bei IHRER EIGENEN Bestimmung des Phänomens "Rechtsextremismus" auf eben jene Merkmale zur Kennzeichnung des Phänomens "Extremismus" zurückgreifen, die auch Backes und Jesse verwenden - nämlich die Gegenerschaft gegenüber der Demokratie als einem normativen Modell. Das kann ich jetzt hier schon aus Platzgründen nicht leisten, verweise aber schlicht auf das nächste Jahrbuch von Backes/Jesse, weil sich darin ein entsprechender Aufsatz findet, in dem genau das zu leisten versucht wird.

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  • Kommentar Link Jemand vom FKR Donnerstag, den 08. Oktober 2009 um 18:37 Uhr veröffentlicht von Jemand vom FKR

    Herr Brodkorb,

    von Ihnen als ein "keinesfalls nur unbedeutende[s] Kleinstgrüppchen" eingestuft zu werden, ehrt uns natürlich. Nichtsdestotrotz eine kleine Anmerkung zu dem ihrer Ansicht nach "unfreiwillig komischen" Widerspruch:

    Das Forum für kritische Rechtsextremismusforschung (FKR) beschäftigt sich, wie der Name schon sagt, u.a. k r i t i s c h mit der gegenwärtigen Rechtsextremismusforschung. Anders als es die Bezeichnung vielleicht suggeriert, handelt es sich dabei - wie Sie sicher wissen - keinesfalls um ein einheitliches Feld. Der u.a. von Jesse und Backes vertretene Extremismusansatz ist lediglich ein möglicher, wenngleich überaus wirkungsmächtiger Strang. Gerade deshalb kann man diesen durchaus, aus inhaltlichen wie auch aus politischen Gründen, kritisieren. Das versuchen wir unter anderem bei unserem kommenden Workshop "Ordnung. Macht. Extremismus" (www.ordnungmachtextremismus.de).

    Die Kritik an den Schwächen, Widersprüchen und Effekten der "Extremismustheorie" muss Sie natürlich nicht überzeugen. Diese kritische Perspektive lediglich als "unfreiwillig komisch" abzukanzeln, ist allerdings etwas flach und klingt auch ein bisschen nach theoretischer oder auch politischer Selbstverteidigung ihrerseits.

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  • Kommentar Link AB Donnerstag, den 08. Oktober 2009 um 21:58 Uhr veröffentlicht von AB

    @bebe: "Welche Legitimation hat diese Theorie denn überhaupt? Eine Theorie, die mit dem Anspruch in den Diskurs tritt, überhaupt nichts mit der echten Welt zu tun haben zu wollen, ist ja wohl kaum ernst zu nehmen":
    Eine ernstgemeinte Theorie dient eben nicht einer schlichten Abbildung der Empirie, sondern ihrer möglichen Erklärung. Können aus ihr, i.e. der Theorie, Aussagen deduziert werden, welche anhand der empirischen Sachverhalte nicht falsifiziert werden können, so ist sie genau durch diesen Umstand vorläufig legitimiert. Eine Theorie, welche konsistente Erklärungen der Empirie liefert, hat also weitaus mehr mit der "echten" Welt zu tun als eine, die rein deskriptiv vorgeht und dann im strengen Sinne eigentlich keine Theorie mehr ist, dem Anschein nach aber von Dir als adäquater empfunden wird. Also nix Elfenbeinturm.
    "einen 'unterschiedlichen Abstand'":
    Das Modell ist eben qualitativ und nicht quantitativ zu verstehen und so werden von den betreffenden Theoretikern offensichtlich qualitative Unterschiede zwischen linken und rechten Extremisten gesehen.

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  • Kommentar Link Zweifelnder Freitag, den 09. Oktober 2009 um 15:18 Uhr veröffentlicht von Zweifelnder

    Ich bin nun leider nicht so theoretisch gebildet wie der geschätzte Herr Brodkorb und kann vermutlich nicht besonders fundiert zu dieser Debatte beitragen. Jedoch frage ich mich, ob der Extremismubegriff nicht einfach nur dazu verwendet wird, die verfassungsmäßig verankerte politische und gesellschaftliche Ordnung gegen fundamentale Kritik abzuschirmen. Selbstverständlich sind ein demokratischer Verfassungsstaat, politischer Pluralismus, Meinungsfreiheit etc. absolut unterstützenswert. Jedoch erscheint es mir sehr bequem für diejenigen, die von den vorhandenen Strukturen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft profitieren, nun diese politische Ordnung als die beste denkbare aller schlechten Systeme zu deklarieren und Bestrebungen, darüber hinausgehend die größtmögliche Freiheit des Individuums zu erreichen und grundlegende herrschende 'Wahrheiten' in Frage zu stellen, als (links-)extremistisch abzustempeln. Polemisch formuliert: Die vorhandenen Kombination von parlamentarischer Demokratie, Nationalstaat und kapitalistischer Wirtschaftsordnung ist nun mal die beste Ordnung und wer diese Ordnung ändern will, ist gegen uns und muss als Extremist_in bekämpft werden.
    Von daher erscheint mir die Zusammenfassung von einer Vielzahl von Ideologien, Bewegungen und Strömungen (von denen eine Vielzahl menschenverachtend, antidemokratisch und gewaltverherrlichend ist, was in aller Deutlichkeit abzulehnen ist!)unter den Begriff des Extremismus als eine wohlfeile Vereinfachung. Eine differenziertere Auseinandersetzung erscheint mir sinnvoller als pauschale Schlagworte.

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  • Kommentar Link Mathias Brodkorb Freitag, den 09. Oktober 2009 um 17:42 Uhr veröffentlicht von Mathias Brodkorb

    @ Jemand von FKR: Ich gab ja schon gegenüber Nasenmann zu, dass mein Argument etwas verkürzt war. Ich würde Ihnen eben nur dahingehend widersprechen, dass Backes und Jesse "irgendeine" Extremismustheorie vertreten. Der Kern ihrer Theorie ist notwendig in JEDEM Rechtsextremismusbegriff enthalten. Das wird in dem schon erwähnten Aufsatz zu zeigen versucht, wäre hier im Kommentarteil etwas sperrig darzulegen. Dieser Auffassung müssen Sie natürlich nicht folgen, aber immerhin erklärt sich daraus, warum ich Ihren Namen "unfreiwillig komisch" finden kann. Hoffe mal, das war jetzt verständlich.

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  • Kommentar Link AB Freitag, den 09. Oktober 2009 um 22:50 Uhr veröffentlicht von AB

    @Zweifelnder
    "die größtmögliche Freiheit des Individuums zu erreichen"
    Was ist denn genau darunter zu verstehen?

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  • Kommentar Link Zweifelnder Montag, den 12. Oktober 2009 um 20:24 Uhr veröffentlicht von Zweifelnder

    @AB: Nun, dass ist ein grundsätzliches politisches Ziel. Kann man teilen oder auch nicht, ich tue es jedenfalls.
    Was die politischen Freiheiten des Individuums angeht, hat sich in den letzten Jahrhunderten schon viel zum Besseren entwickelt (wenn wir etwa die Bundesrepublik mit dem preußischen Staat des 19.Jahrhunderts vergleichen), wenngleich auch hier nicht alles perfekt ist momentan. Mit Blick auf ökonomische Freiheit (womit ich nicht die Freiheit, ein Unternehmen zu gründen meine, sondern die Freiheit von Armut, fehlender Zugang zu Bildung etc.)ist der Status Quo auf jeden Fall nicht zufriedenstellend.
    Mir geht es einfach darum, sich nicht mit dem Erreichten zufriedenzugeben, sondern darüberhinauszudenken - und dass solche Bestrebungen nicht mit Nazis auf eine Ebene gestellt werden, wie es die Verwendung des Extremismusbegriffs zum Teil tut.

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  • Kommentar Link AB Mittwoch, den 14. Oktober 2009 um 19:36 Uhr veröffentlicht von AB

    @Zweifelnder:
    Ich stimme völlig mit Dir darin überein, dass die größtmögliche Freiheit des Individuums ein politisches Ziel sein sollte. Nur reicht es nicht, diese Freiheit schlicht zu postulieren, sondern das Geforderte muss auch mit konkreten, gut begründeten Inhalten erfüllt sein. Denn "sich nicht mit dem Erreichten zufriedenzugeben" ist eben kein Selbstzweck. Leider sind solche leeren 'Worthülsen' jedoch oft anzutreffen und sorgen m.E. mit dafür, dass mitunter 'linke' und 'rechte' Bestrebungen in einen Topf geworfen werden. Denn, wenn bei zwei namentlich gleichen Dingen keine Angaben zum Inhalt gemacht werden, wo sollte da eine Differenzierung ansetzen? Ob und welcher Extremismusbegriff aus welchen Gründen das von Dir Monierte tut, müsste sicher gesondert diskutiert werden.
    Es wäre also vielleicht förderlich, wenn man zunächst klärte, was genau unter "größtmögliche Freiheit" subsumiert werden soll. Wenn ich Deine Ausführungen richtig verstanden habe, dann zählt für Dich dazu:
    1. Leben frei von Armut
    2. Zugang zu Bildung. Gibt es weitere Aspekte?

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